Mögliche Prädisposition einer Sekten-/Kultmitgliedschaft
Zusammenfassung einer empirischen Studie

von Dipl. Psych. Dieter Rohmann (erschienen als Originalmaterial im „Report Psychologie 10/1999“)

Empirische Forschungsbeiträge zur möglichen Prädisposition einer Sekten-/Kultmitgliedschaft sind international kaum vorhanden. Die vorhandenen Beobachtungen, Erfahrungen und Aussagen zu diesem Thema sind zwar sehr zahlreich, oft aber auch sehr widersprüchlich. So behaupten z. B. die einen, dass Kultmitglieder vermehrt aus dysfunktionalen Familien kommen würden oder dass eine Psychopathologie vor dem Beitritt vorlag. Im Gegensatz dazu sind andere der Meinung, dass Kultmitglieder aus ganz normalen, funktionierenden und behütenden Familien stammen und dass keineswegs eine Psychopathologie vorlag. Durch die hier vorliegende Arbeit sollte eruiert werden, ob es so etwas wie eine Beitrittsdisposition nun tatsächlich gibt und wenn ja – welche Faktoren dafür verantwortlich sein könnten.

Alle Daten der hier durchgeführten Untersuchung stammten von Familien, die sich mit der Bitte um Beratung an den Autor wandten, weil jeweils ein oder mehrere Angehörige sich zu einem Kultbeitritt entschlossen hatten. Die Basis dieser Untersuchung stellte ein halbstandardisierter, anamnestischer Fragebogen dar, der jeweils vor der ersten persönlichen Begegnung an die betroffenen Familien, Ehepartner und/oder Freunde geschickt wurde. Ziel dieses Fragebogens war, möglichst ausführliche Informationen über die Biografie des Kultmitglieds zu erhalten, um eine effektive Beratung durchführen zu können.

Es handelte sich also um Fremdbeurteilungen in Form einer schriftlichen Befragung. Die so zustande gekommenen quantitativen und qualitativen Daten bezogen sich auf insgesamt 110 Probanden im Alter von 12 bis 50 Jahren. Dies ist -zumindest für die Bundesrepublik Deutschland – die bisher größte Stichprobe zu diesem Thema.

Zu untersuchende Schwerpunkte

Folgende Schwerpunkte sollten genauer untersucht werden:
Der Familienhintergrund und die Persönlichkeit von Kultmitgliedern sowie die situationalen Bedingungen und die psychische Verfassung unmittelbar vor dem Kultbeitritt.

Die wichtigsten Ergebnisse lauten:

  • Der Großteil der Personen war vor ihrem Kultbeitritt alleinstehend, im Alter von 21 bis 25 Jahren, stammt aus der Mittel- bzw. gehobenen Mittelschicht und ist in einer Kleinstadt bzw. in ländlicher Umgebung, zusammen mit mehreren Geschwistern aufgewachsen (in der gesamten Stichprobe befanden sich erstaunlicherweise nur 3 Einzelkinder). Das Ausbildungsniveau war verhältnismäßig hoch. Die Eltern waren meist verheiratet.
  • Die meisten der Personen litten vor ihrem Kultbeitritt gleichzeitig unter mehreren belastenden Erfahrungen. So erfuhr die Mehrzahl von ihnen einen dysfunktionalen Familienhintergrund und sah sich unmittelbar vor dem Eintritt schwierigen Lebenssituationen ausgesetzt.
  • Nur bei einem geringen Anteil der Personen lag eine Psychopathologie vor.
  • Annähernd die Hälfte der Stichprobe wurde als altruistisch, sensibel und einsam beschrieben. Ein Viertel wurde als naiv, labil, introvertiert, idealistisch und/oder als nicht selbstbewusst bezeichnet.
  • Für etwas mehr als die Hälfte der Kultmitglieder war (nach eigenen Angaben) der Wunsch nach einer verbindlichen Lehre/Ideologie ausschlaggebend für den Beitritt. Nur wenige nannten Selbstverwirklichung oder Unzufriedenheit als Beweggrund.
  • Geschlechtsspezifische Unterschiede konnten nachgewiesen werden. So stammten weibliche Kultmitglieder vermehrt aus Kleinstädten, evangelischen Familien mit entsprechend weniger Kirchenbesuchen. Ihre Familiensituation erlebten sie als belastender und die Kommunikation als eingeschränkter. Während die Frauen mit ihrer Lebenssituation unzufriedener waren, wurden die männlichen Kultmitglieder vermehrt als introvertiert beschrieben. Weiterhin interessierten sich mehr männliche Kultmitglieder für die Lehre/Ideologie der jeweiligen Gruppierung.

Weiterhin ist es gelungen, das Profil von 3 Kultkategorien darzustellen: christlich-fundamentalistische Gruppen, Gurubewegungen und Psychokulte/Esoterikbewegungen.

Profile von Kultkategorien

Im Folgenden soll das Profil dieser 3 Kultkategorien näher dargestellt werden:

Das Alter derer, die einem christlich-fundamentalistischen Kult beitraten, war vorwiegend zwischen 21 und 25 Jahren. Bei der Mehrzahl fanden in der Vergangenheit regelmäßig Kirchenbesuche statt. Sie wuchsen häufiger in Familien mit geringer kommunikativer Kompetenz auf. Als Eintrittsgründe nannten sie öfter den Wunsch nach Gemeinschaft, nach einer verbindlichen Lehre und nach mehr Lebenssinn.

Bei der Gruppe der Gurubewegungen war das Eintrittsalter zwischen 16 und 20 Jahre. Die Mitglieder waren häufiger männlich und Erstgeborene. Sie besuchten vorwiegend das Gymnasium, schlossen es jedoch nicht mit dem Abitur ab. Kirchenbesuche fanden regelmäßig statt. Es wurde weniger von belastenden Familiensituationen und vermehrt von guter kommunikativer Kompetenz innerhalb der Herkunftsfamilie berichtet. Sie wurden weder als altruistisch, noch als depressiv bezeichnet und galten eher als introvertiert. Sie waren nach eigenen Angaben auf der Suche nach einer verbindlichen Lehre und weniger nach Lebenssinn.

In die Gruppe der sogenannten Psychokulte und der esoterischen Bewegungen fand der Eintritt etwas später statt, nämlich zwischen 26 und 30 Jahren. In dieser Kategorie waren vorwiegend Frauen anzutreffen. Sie kamen häufiger aus Scheidungsfamilien und kannten keinen regelmäßigen Kirchenbesuch. Sie erlebten vermehrt belastende Familiensituationen und sie litten unmittelbar vor ihrem Kultbeitritt unter beruflichen bzw. schulischen Problemen. Sie wurden als nicht introvertierte, aber egoistische Persönlichkeiten beschrieben. Sie gaben weder eine Suche nach Gemeinschaft noch das Bedürfnis nach einer verbindlichen Lehre als beitrittsrelevant an.

Mit diesen Ergebnissen konnte zum einen ein erster Einblick in ein noch weitgehend unerforschtes Gebiet gewonnen, zum anderen ein weiterer Beitrag zur Klärung der Spezifik biographischer und lebensthematischer Hintergründe, die eventuell prädisponierend für eine Kultmitgliedschaft sind, erbracht werden.
Die durch diese Untersuchung deutlich gewordene Komplexität eines Beitritts sollte darüber hinaus auch in der Arbeit mit Kultmitgliedern/Kultaussteigern und deren Angehörigen berücksichtigt werden. Es sollte gleichermaßen beiden Seiten Beachtung geschenkt werden. Nicht nur dem Kult und seiner internen Dynamik. Sondern auf der einen Seite der Person und ihren individuellen Bedürfnissen als auch auf der anderen Seite dem jeweiligen Kult und seinen Angeboten. Also sowohl dem „Schlüssel“ als auch dem „Schloss“.

Die Ergebnisse dieser Studie machen u. a. deutlich, dass sich Menschen mit entsprechender Lebensgeschichte vermehrt auch bestimmten Kultkategorien anschließen. Zum Teil liegen prädisponierende Faktoren für einen Kultbeitritt vor. Allerdings wird auch deutlich, dass der Grund für einen Beitritt nicht auf nur einige wenige, prägnante Faktoren zurückzuführen ist, sondern dass jeder Kultbeitritt als multikausales Gefüge verstanden werden sollte.

So konnte nachgewiesen werden, dass die Mehrzahl der Personen unmittelbar vor ihrem Beitritt mehrere zeitgleiche und scheinbar unlösbare Probleme zu bewältigen hatten (z. B. innerhalb der Familie, in ihrer Beziehung, in der Schule und/oder im Beruf). Dem dadurch vermehrt vorhandenen Belastungsdruck in den verschiedenen Lebensbereichen – und der subjektiven Valenz, die diesen Begebenheiten zugeschrieben wurde – begegneten diese Personen mit einem Kultbeitritt, der vordergründig sicherlich Erleichterung versprach.

Bei Interesse kann die komplette Studie über den sozialwissenschaftlichen Fachverlag "Edition Soziothek" kostenlos bezogen werden. Zum Download klicken. Psychologie Heute, 8/2000. „Jeder hat seinen Kult“